14. April 2016

Integration: Enam darf mitspielen

Dass Enam talentiert ist, hatte Harald Gerhards gleich gesehen. Der Familienvater ist Co-Trainer der E2-Jugend im Frechener Fußballverein VfR Bachem 1932 und hat den Jungen aus Afghanistan zum Verein gebracht. Mit seinen Söhnen Lars und Sven kickte Harald Gerhards letztes Jahr in den Sommerferien zum Zeitvertreib auf dem Vereinsplatz, als Enam mit seiner Familie dort spazieren ging und eine Weile zuschaute. Die Gerhards luden den Jungen ein mitzukicken. „Als ich gesehen habe, was der kann, hab ich ihn gefragt, ob er mal zum Training kommen möchte“, erzählt Harald Gerhards. Und Enam verstand, er konnte schon ein bisschen Deutsch. „Beim ersten Training nach den Sommerferien war er dann da.“

Der 10-jährige Enamullah Safi – so sein voller Name – wohnt mit seinen Eltern und seinen drei jüngeren Schwestern in einer Flüchtlingsunterkunft im Frechener Ortsteil Bachem. Vor einem Jahr kam die Familie nach einer zweimonatigen Flucht in Deutschland an. Über ihre Asylanträge wurde noch nicht entschieden. In ihrer Heimat Kunar, einer Provinz im Osten Afghanistans, wurde die Familie von den radikalislamistischen Taliban terrorisiert, wie Enams Vater Abdolgolli Safi erzählt.

Draußen Fußball zu spielen war zu gefährlich

Und immer wieder habe es in dem Grenzgebiet zu Pakistan Unruhen und Kämpfe gegeben. Dem Jahresbericht der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) zufolge wurden im vergangenen Jahr in Afghanistan mehr als 11 000 Zivilisten durch Waffen und Gewalt getötet oder verletzt. Jedes vierte Opfer war ein Kind! Enam habe oft tagelang nicht zur Schule gehen können, erzählt sein Vater – schon der Schulweg war zu gefährlich.
Draußen Fußball zu spielen natürlich auch. Umso mehr genießt Enam es, hier in Sicherheit und nach Herzenslust mit anderen Jungs kicken zu können. Ganz selbstverständlich nahmen Lars, Sven und die anderen Mitspieler das gleichaltrige Flüchtlingskind in die Fußballmannschaft auf. „Der war sofort gut integriert“, erzählt Harald Gerhards, „die Jungs interessiert vor allem, dass er Fußball spielen kann.“

Die E2 des VfR Bachem 1932 hat das Flüchtlingskind Enam (oben, 3.v.R.) in die Mannschaft aufgenommen.
Die E2 des VfR Bachem 1932 hat das Flüchtlingskind Enam (oben, 3.v.R.) in die Mannschaft aufgenommen.
„Alle helfen“

Regelmäßig kommt Enam zweimal in der Woche zum Training. Oft kommt sein Vater mit und guckt zu. Welche Freude er dabei hat, kann man ihm ansehen. Und er ist dankbar für die Unterstützung von Trainern und Eltern. „Alle helfen“, erzählt Abdolgolli Safi. Zu Auswärtsspielen wird Enam von anderen Eltern im Auto mitgenommen. Wenn es im Nachbarort Kerpen günstige Fußballschuhe gibt, wird die ganze Familie Safi ins Auto gepackt und hingefahren. Als im Herbst eine Mannschaftstour anstand, legte man zusammen, damit Enam mitfahren konnte, berichtet Harald Gerhards. Und als Möbel für die Wohnung in der Flüchtlingsunterkunft gebraucht wurden, besorgten die Gerhards ein Sofa aus einer Wohnungsauflösung. Gerne bedanken sich die Safis dann mit einem afghanischen Essen.

Damit Flüchtlinge und Flüchtlingskinder wie Enam überhaupt am organisierten Vereinsfußball teilnehmen dürfen, müssen teils strenge Regularien seitens der Fußball-Verbände gelockert werden. So bekam Enam einen Spielerpass und damit eine Berechtigung an offiziellen Fußballspielen teilzunehmen nur, weil seine Eltern dafür nicht wie sonst üblich seine Geburtsurkunde vorlegen mussten. Stattdessen reichte ihre behördliche Aufenthaltserlaubnis, in der Enams Geburtsdatum vermerkt ist.

DFB unterstützt Flüchtlinge im Vereinsfußball

„Fußballvereine sollten bei Ausländern grundsätzlich die Angaben in den Aufenthaltstiteln, der Aufenthaltsgestattung zur Durchführung eines Asylverfahrens oder in anderen Bescheinigungen der Behörden zur Grundlage ihres Handelns machen“, informiert die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: „Für Vereine besteht kein Grund, behördliche Dokumente in Zweifel zu ziehen oder die dortigen Angaben gar selbst zu überprüfen.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat in Zusammenarbeit mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration die Broschüre „Willkommen im Verein! Fußball mit Flüchtlingen“ herausgegeben. Darin werden Antworten und Anregungen zu Themen wie Vereinsmitgliedschaft, Versicherung oder Spielberechtigung von Asylsuchenden behandelt. Im Vorwort schreibt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: „Fußball kann nicht nur ein wenig Leichtigkeit in den Alltag vieler Flüchtlinge zurückbringen, er bringt auch Menschen spielerisch zusammen. Flüchtlingen kann er das Ankommen und Einleben in Deutschland erleichtern.“ So, wie im VfR Bachem.

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