20. April 2016

„Dänische Delikatessen“ im Haus am Bahndamm

Die erste Leiche ist ein Versehen. Doch statt sich der Polizei zu stellen, zerlegt Metzgerbursche Svend das tiefgekühlte Corpus Delicti kurzerhand mit Kreissäge und Hackbeil. Und verkauft seiner Kundschaft filetierten Menschenoberschenkel als Huhn in hausgemachter Spezialmarinade. Es kommt, wie es kommen muss: „Svends Spezialhühnchen“ findet reißenden Absatz und retten die frisch gegründete Fleischerei, für die sich der junge Metzger und sein Companion Bjarne verschuldet haben. Ergo muss Nachschub her, als die erste Leiche „aus“ ist …

Soviel zur Haupthandlung von „Dänische Delikatessen“, der aktuellen Produktion des Theaterensembles Harlekin im Frechener „Haus am Bahndamm“. Regisseurin Gudrun Cornely hat sich die erfolgreiche dänische Filmkomödie von Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2003 vorgenommen und daraus ein vergnügliches Bühnenstück inszeniert. Das Premierenpublikum bedankte sich am vergangenen Samstag für einen unterhaltsamen Theaterabend mit viel Gelächter, Szenenbeifall und einem lang anhaltendem Schlussapplaus.

Die eingeflochtenen Nebenhandlungen erfüllen vor allem den Zweck, Svend Frischfleisch und den Akteurinnen und Akteuren Gelegenheit zu verschaffen ihr schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Als Hauptdarsteller spielen Sebastian Dederichs und Jan Koch die Außenseiter Svend und Bjarne. Beide sind in den Zwanzigern, beide vom Leben überfordert. Warum sie so wurden, wie sie sind, wird im Verlauf des Stücks in Ansätzen erklärt. Bemühte Charakterstudien werden den Zuschauern jedoch nicht geboten. Stattdessen konzentriert sich die Inszenierung von Gudrun Cornely darauf, den munteren Mimen Raum für ihre Freude am Spiel zu geben.

Tölpel trifft auf phlegmatischen Kiffer

Sebastian Dederichs hat als tumber Metzgerbursche Svend offensichtlich einen Mordsspaß an seiner Rolle. Er tölpelt treudoof durch die Szenen und Dialoge und überzeugt mit Schmollmund und Unschuldsblick. Denn eigentlich kann er ja gar nichts dafür, dass ihm der Lauf der Dinge ein Opfer nach dem anderen ans Hackebeil liefert. Nicht so berechenbar ist der Bjarne von Jan Koch. Der gibt in seiner Rolle den phlegmatischen Kiffer, der über das mörderische Geschäftsmodell seines Companions Svend zwar einigermaßen entsetzt, letztlich jedoch mit anderen Dingen beschäftig ist: mit seinem Bruder Aigil (Thomas Derenbach) zum Beispiel, der im Koma liegt und Bjarne im Falle seines Ablebens einen Haufen Geld hinterlassen würde. Klar, dass Bjarne ein wirtschaftliches Interesse am Tod des Bruders hätte. Nicht so klar, dass er die Krankenschwester (Dagmar Terheggen) einfach so beauftragen kann die Geräte abzuschalten, an denen das Leben des Bruders hängt.

Und die mitleidsfreie Skrupellosigkeit, mit der er dieses Ansinnen verfolgt, passt nicht recht zu der eigentlich sympathischen Figur. Immerhin stellt sich später heraus, dass Bjarne einen Grund hätte seinen Bruder zu hassen. Dennoch wird die Sympathie für ihn arg strapaziert, als er den aus dem Koma erwachten und nunmehr behinderten Bruder rüde zurückweist. Bjarnes Gewalttätigkeit schockiert die Zuschauer ebenso wie die fürsorgliche Floristin Astrid (Sahra Heinrigs), in die sich Bjarne eben erst verliebt hat. Was übrigens am Ende aus der guten, einfühlsamen Astrid wird, passt zwar hervorragend zum Spielvermögen von Sarah Heinrigs, die als Bjarnes Ex Tina überzeugend das Biest gibt. Doch der finale Charakterwandel der Astrid ist nicht nachvollziehbar.

Mitspieler schlüpfen in mehrere Rollen

Die sich anbahnende Beziehung zwischen Astrid und Bjarne findet in mehreren Szenen und viel rotem Licht vor der Bühne statt. Dorthin hat die Regisseurin auch andere Nebenhandlungen verlegt. So gelingt ihr die Inszenierung mehrerer Schauplätze mit geringem Aufwand. Und sie kann die aufwendig ausgestattete Bühne, die die Metzgerei samt Verkaufstheke, Knochenmühle und Kühlraum abbildet, die gesamte Spielzeit hinweg lassen wie sie ist.

Außer den beiden Hauptdarstellern schlüpfen alle Mitspielenden im Laufe des Stücks in mehrere Rollen. Allesamt überzeugen in ihren größeren und kleineren Nebenrollen und spielen die vielen witzigen Details aus, die die Dialoge bieten. Herausragend die Leistungen von Thomas Derenbach, der das Publikum zunächst als zugedröhnter Laufbursche amüsiert und später als Bjarnes infantiler Bruder alles gibt um die Behinderung und die Sprachschwierigkeiten zu mimen, die Aigil durch einen Unfall und sein Koma davon getragen hat. Da weiß man an mancher Stelle gar nicht so recht, ob man das lustig oder tragisch finden soll. Gewohnt souverän gibt Horst Roden unter anderem den derben Metzger Holger, der sich zunächst köstlich über die Erfolglosigkeit seiner neuen Konkurrenz amüsiert und ihr später die beiden Lebensmittelkontrolleure auf den Hals hetzt. Mit dem „Papageienspiel“ dieses Duos ernten Dagmar Terheggen und Rolf Koch beim Publikum herzliches Gelächter. Rolf Koch liefert mit alberner Perücke außerdem einen beachtlichen Vortrag über Fleischereiprodukte und „Warme Pölser“. Und auch Miriam Krause, eine Nachwuchsschauspielerin im Theaterensemble, kann in ihren kleinen Rollen punkten – als abgeklärte Reporterin ebenso wie als Dramaqueen.

Bei nicht ganz zwei Stunden Spielzeit entwickelt sich die eher simpel gestrickte Auflösung der Geschichte am Ende etwas zu plötzlich. Doch das schauspielerische Können der bekannten und routinierten Darstellerinnen und Darsteller des Theaterensembles macht die Schwächen im Plot mehr als wett.

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