Wilde Orchideen im rekultivierten Tagebau

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So vorsichtig bin ich noch nie über Waldboden gestapft. Orchideenexperte Peter Rolf überwacht jeden meiner Schritte. Konzentriert suche ich Stellen aus, auf die ich treten kann ohne ein „Großes Zweiblatt“ niederzutrampeln. Hier, in einem lichten Waldstück im rekultivierten, ehemaligen Tagebau Bergheim, treiben die Sprosse aus dem Boden. Nur ein paar Meter von einem großen, ausgeschilderten Wanderweg entfernt hat sich die eher unauffällige, wilde Orchideen-Art angesiedelt. Und nicht nur diese. Ebenfalls auf dem kleinen Fleckchen Waldboden blüht das gar nicht unauffällige Helm-Knabenkraut mit seinen vielen weiß- und rosafarbenen Blüten, die dicht in einer Ähre stehen. Und dann zeigt mir Rolf noch zwei weitere Orchideen-Arten, die sich ein paar Meter weiter angesiedelt haben und erst in ein paar Wochen blühen werden: Die in Deutschland als stark gefährdet geltende Bienen-Ragwurz mit ihrer charakteristischen Blattrosette am Boden und die Breitblättrige Stendelwurz, die in der Gegend am häufigsten vorkommende Orchideen-Art.

18 wilde Orchideenarten im Rhein-Erft-Kreis

Ich begleite Rolf an diesem sonnigen Tag Anfang Mai bei einem Standortbesuch. Als Kreisbeauftragter des „Arbeitskreises Heimische Orchideen Nordrhein-Westfalen“ (AHO NRW) erfasst und pflegt der Orchideenkundler aus Erftstadt-Liblar seit vielen Jahren wilde Orchideen im Rhein-Erft-Kreis. „Reines Hobby“, erklärt der Experte bescheiden. „Ich bin gerne draußen und habe Lust, etwas für die Natur zu tun. Ich freue mich immer, wenn ich etwas entdecke, das ich nicht erwartet habe.“18 verschiedene Arten kommen im Rhein-Erft-Kreis vor. Wie alle heimischen Orchideen-Arten sind sie nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Sie dürfen gemäß Bundesnaturschutzgesetz nicht gepflückt, ausgegraben oder beschädigt werden.

Wie viele Stellen es im Rhein-Erft-Kreis gibt, an denen heimische Orchideen wachsen, kann Peter Rolf nicht sagen. „Ich glaube, dass ich noch nicht einmal die Hälfte der möglichen Flächen abgeklappert habe“, sagt er. Orchideen sind „konkurrenzschwach“, das heißt, sie lassen sich leicht von anderen Pflanzen verdrängen, die sich zum Beispiel durch Stickstoff – also Nährstoffeintrag stärker vermehren und den Orchideen das benötigte Licht nehmen. Als Rolf mich Ende Mai mit auf die Berrenrather Börde nimmt, um mir die nunmehr blühende Bienen-Ragwurz zu zeigen, zählt er dort noch 17 Exemplare. Doch wuchernde Büsche und Kräuter scheinen die seltene Schönheit bereits zu verschlingen. „Verbuschung“ nennen die Experten das, was den Orchideen den Garaus macht. „So leid mir das tut, aber ich müsste Tag und Nacht unterwegs sein, um alle Kleinbiotope freizuschneiden“, erklärt Rolf, warum er sich nur um den Erhalt ausgesuchter Wuchsorte kümmern kann.
Immerhin erhält er bei Pflegemaßnahmen Unterstützung von der Unteren Landschaftsbehörde und der Rekultivierungsabteilung der RWE Power AG.

Blütenzählen

Und er hat ein paar Mitstreiter wie Wilhelm von Dewitz aus Brühl und Hermann Schmaus aus Erftstadt-Köttingen. Die beiden Mitglieder des Naturschutzbunds (Nabu) Rhein-Erft nehmen mich Anfang Juni mit in den ehemaligen Tagebau Ville. Dort blüht das „Übersehene Knabenkraut“, eine in Deutschland und NRW als stark gefährdet eingestufte Orchideen-Art. Die beiden Naturschützer zählen jedes Jahr zur Blütezeit jedes einzelne Exemplar und geben die Daten dann für den AHO NRW an Peter Rolf weiter, außerdem an die Untere Landschaftsbehörde und an die Rekultivierungsabteilung von RWE Power. An einer feuchten Stelle mitten in der Wiese blühen zwischen Rohrkolben mehr als 2000 Individuen des „Übersehenen Knabenkrauts“. Auf Veranlassung des ehemaligen Rhein-Braun-Mitarbeiters Von Dewitz wurde der circa 1200 Quadratmeter große Wuchsort zum Schutz vor Wildschweinen eingezäunt. Außerdem wurden gerade ein paar junge Erlen gefällt, die den benötigten sonnigen Standort zu beschatten und sich dorthin auszubreiten drohten.

Zum Beispiel zum „Gefleckten Knabenkraut“, das zu Hunderten in einem Graben am Fuß der Glessener Höhe steht. Oder zur „Grünlichen Waldhyazinthe“, die im Mai auf der Berrenrather Börde blüht. Zu Hybriden aus dem „Breitblättrigen Knabenkraut“ und dem „Übersehenen Knabenkraut“ versteckt am Rande des Marienfelds.Und zu einem Vorkommen der recht verbreiteten Vogel-Nestwurz im Friesheimer Busch. Das kurze Pflänzchen mit den vielen blassbraunen Blüten hat überhaupt kein Grün an sich. „Die ist aber nicht schön“, urteilt meine Freundin, als wir einige Exemplare im Mai in der Nähe des Heider Bergsees neben dem Waldweg entdecken.
Immer wieder stoße ich in diesen Tagen in den rekultivierten Wäldern der Ville auf die Breitblättrige Stendelwurz. Vielerorts steht sie direkt am Wegesrand. Ihre vielen bunten Blüten wird die bis zu 90 Zentimeter hohe Pflanze erst ab Ende Juni entfalten. „Die blüht als letzte im Kreis auf, wenn alle anderen abgeblüht sind“, berichtet Rolf. „Deswegen ist sie vielleicht meine Lieblingsorchidee.“

Wilde Orchideen im rekultivierten Tagebau

Etwa 95 Prozent der Vorkommen heimischer Orchideen-Arten im Rhein-Erft-Kreis befinden sich nach Schätzung des Orchideen-Kundlers Peter Rolf auf rekultivierten Flächen, wo ausgekohlte Tagebaue wieder in naturnahe Lebensräume für Pflanzen und Tiere verwandelt werden. „Das ist ein Phänomen, das wir deutschlandweit beobachten“, berichtet Ulf Dworschak, Biologe in der Rekultivierungsabteilung der RWE Power AG.
Die winzigen Orchideensamen, die nur als Staub wahrnehmbar sind, können in der Luft über sehr weite Strecken getragen werden. So ist zu vermuten, dass viele Orchideen aus der Eifel ins Rheinische Braunkohlerevier getragen werden. „Zum einen haben wir hier ausreichend große Flächen, die die Orchideensamen auffangen können“, erklärt Dworschak. Zum anderen enthielten die in der Rekultivierung verkippten Böden nur sehr wenig Stickstoff, was sich günstig für viele Orchideen-Arten auswirke. „Beim Umlagern der Böden wird der humose Oberboden mit den darunterliegenden, stickstoffarmen Schichten vermischt, dadurch wird der Stickstoffgehalt der Substrate reduziert.“ „Magere“ Böden wiederum bedeuten wenig Konkurrenz und damit überlebensnotwendige Voraussetzung für viele Orchideen, die sich gegen sich stärker vermehrende Pflanzen meist nicht durchsetzen können. (sn)

Erstmals veröffentlicht in Kölner Stadt-Anzeiger, Rhein-Erft, 23.06.2014