Wildkatzen im Naturpark Rheinland

Der süßlich beißende Geruch von Baldrian ist für die Wildkatze ein ganz besonderer Duft. Er lockt sie an. Das machen sich die Naturschützer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Träger des bundesweiten Projekts „Wildkatzensprung – Wiedervernetzung der Wälder Deutschlands“ , zunutze, wenn sie das Vorkommen des scheuen Tiers in einem bestimmten Gebiet nachweisen wollen: Sie rammen unbehandelte Holzpflöcke in den Waldboden und besprühen diese mit einer Baldrian-Tinktur. Von dem Duft angelockte Wildkatzen reiben sich an den Stöcken und hinterlassen an der rauen Oberfläche ihre Haare, anhand derer sie genetisch identifiziert werden können.
 Wildkatzen sind extrem scheu. Foto: Thomas Stephan/BUND

Wildkatzen sind extrem scheu. Foto: Thomas Stephan/BUND

Nachweis bei Bornheim

Die Haare von insgesamt elf verschiedenen Individuen der „Europäischen Wildkatze“ (Felis silvestris silvestris) wurden an den Lockstöcken gefunden, die Mitarbeiter des BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen im Winter 2011/2012 im Gebiet Kottenforst-Ville aufgestellt hatten. „Die sind dort sicherlich ansässig und bilden eine Population“, informiert Dr. Jochen Behrmann, Geschäftsleiter des BUND und Leiter des Wildkatzenprojekts in Nordrhein-Westfalen. Wahrscheinlich hätten sie sich bereits vermehrt. Zwei der elf Individuen waren um einen Lockstock im Wald oberhalb von Bornheim-Walberberg und Bornheim-Merten zwischen Klüttenweg und Schnacker Jagdweg gestrichen.

Revierförster Uwe Fandler vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW hat noch keine gesehen, doch auch er ist sicher: „Wenn sie bislang da war, wird sie auch weiter da sein.“ Landschaftlich seien die hiesigen Mischwälder für Wildkatzen geeignet, stimmen Behrmann und Fandler überein. Die streng geschützten Tiere, die meist als Einzelgänger unterwegs sind, brauchen naturnahe Wälder mit vielen Versteckmöglichkeiten wie umgestürzte Baumstämme und Totholz, Felsnischen und Unterholz. Nachts jagen die Tiere an deckungsreichen Waldrändern und auf kleinen Lichtungen, und zwar hauptsächlich nach Mäusen.

„Auch Wildkatzen sind naturgemäß faul.“
Dr. Christine Thiel vom BUND rammt unbehandelte Holzpflöcke in den Waldboden und besprühen diese mit Baldrian, um Wildkatzen anzulocken. Foto: Susanne Neumann

Dr. Christine Thiel vom BUND rammt unbehandelte Holzpflöcke in den Waldboden und besprühen diese mit Baldrian, um Wildkatzen anzulocken. Foto: Susanne Neumann

Die Biologin und Katzenexpertin Dr. Christine Thiel vom BUND erklärt, dass sie sich auch gerne an lichten Bachläufen aufhalten. Denen können sie leicht folgen und dort finden sie Schermäuse, auch Wasserratten genannt. „Die sind fetter als die Waldmäuse und leichter zu fangen“, weiß Thiel und schmunzelt: „Auch die Wildkatze ist naturgemäß faul.“ Daher jage sie auch gar nicht gerne Vögel: „An einem Vogel ist kaum was dran und er ist sehr schwer zu erwischen“, macht Thiel klar. Paarungszeit sind die Wintermonate Februar und März. Im Frühling bringt die Katzenmutter in der Regel zwei bis drei Junge zur Welt, die mehrere Monate bei der Mutter bleiben, bevor sie sich ein eigenes Revier suchen.

Woher die Population auf der Ville eingewandert ist, wird derzeit untersucht. „Wir vermuten, dass die Wildkatze aus Rheinland-Pfalz, aus der Gegend um Bad Neuenahr und Ahrweiler gekommen ist“, informiert Behrmann. Weniger wahrscheinlich sei die direkte Einwanderung aus der Eifel. Zwar gibt es dort mit mehr als tausend Wildkatzen die vermutlich größte Population in Deutschland. Doch die Wälder zwischen Eifel und Kottenforst-Ville wiesen zu große Lücken auf, erläutert Behrmann. Dass einzelne Individuen auf der Ville auch weiter nach Norden wandern, hält er für möglich. Zwar seien nördlich der Autobahn 553 keine Lockstöcke aufgestellt und die Wildkatze dort bislang nicht nachgewiesen worden. Die Unterführungen unter der Autobahn im Wald ließen jedoch die Wanderung zu. Dennoch stellten die Wildkatzen auf der Ville nur eine kleine Randpopulation dar, die anfälliger sei für Störungen. Abgesehen von der Gefahr einer genetischen Armut in isolierten Populationen sei die größte Gefahr für die Tiere, dass sie überfahren würden, ergänzt Thiel.

Höhlen dienen als Verstecke

Besonders jetzt im April könnten Waldbesucher auf Verstecke treffen, in denen die Jungen nach ihrer Mutter rufen. Wildkatzen nutzten auch die Höhlen zwischen aufgestapelten Baumstämmen am Wegrand als Verstecke für ihre Jungen. Es komme vor, das Spaziergänger junge Wildkatzen jammern hörten und mitnähmen in der Annahme, sie seien verlassene Hauskatzen, weiß Thiel. Doch die Wildkatze eigne sich nicht zur Hauskatze. Und besonders in Tierheimen seien die Wildkatzenjungen vor allem wegen der großen Gefahr, sich mit Krankheiten anzustecken, besonders gefährdet. Thiel bittet darum, Katzenjunge zunächst einmal in Ruhe zu lassen und nach 24 Stunden erneut nach ihnen zu schauen. Jaulten sie dann noch erbärmlicher, sei es wahrscheinlich, dass die Mutter nicht zurückkomme. Über die richtigen Maßnahmen in solchen Fällen informiert die Internetseite, die Thiel eingerichtet hat.

Vor 100 Jahren ausgerottet

Die Wildkatze galt vor etwa hundert Jahren in weiten Teilen Deutschlands als ausgerottet. Nur in wenigen Regionen konnte sie überleben. Wie im Hunsrück und in der Eifel, wo heute ein Wildkatzenbestand von eintausend bis zweitausend Individuen angenommen wird. Im Rahmen des bundesweiten Naturschutzprojekts „Wildkatzensprung – Wiedervernetzung der Wälder Deutschlands“ legt der BUND dort, wo möglich, grüne Wanderkorridore zwischen Wäldern an, in denen die Wildkatze vorkommt, und verbessert die bestehenden Lebensräume der Tiere, also naturnahe Wälder.