12. August 2016

„Wir wollen keinen Friedhof in Buschbell!“

Muslimisches Grabfeld auf Hürther Friedhof bfeld
Auf dem Friedhof in direkter Nachbarschaft zur Moschee in Hürth werden auch Frechener Muslime beigesetzt.
Bild: S. Neumann

Einstimmig hatte der Rat der Stadt Frechen in seiner letzten Sitzung vor den Sommerferien beschlossen, auf dem Frechener Friedhof Buschbell-Neu ein Grabfeld für Bestattungen nach muslimischem Ritus einzurichten. Doch der Verein „DITIB – Türkisch-Islamische Gemeinde zu Frechen“, der die Moschee in Frechen unterhält, lehnt diesen Beschluss ab. „Wir wollen keinen Friedhof in Buschbell“, erklärt der Vorsitzende der Ortsgemeinde Hilmi Malkoc gegenüber Frechenschau.de. Der Friedhof sei zu weit entfernt von der Moschee, die sich im Zentrum von Frechen befindet. Und er biete einer großen Trauergemeinde zu wenige Parkmöglichkeiten. Nach islamischem Glauben ist es für die Familie und zu Ehren des Verstorbenen besonders wichtig, dass so viele Angehörige und Bekannte wie möglich seinen letzten Weg begleiten. Deshalb hält die muslimische Gemeinde an ihrem Wunsch nach einem eigenen Grabfeld auf dem zentral gelegenen Friedhof von St. Audomar fest. Denn dorthin könnte eine muslimische Trauergesellschaft von der Moschee aus, wo die Bestattungszeremonie beginnt, bequem zu Fuß gelangen.

Friedhof St. Audomar ist vom Tisch

Das kommt jedoch nicht mehr in Frage. Dabei hatte der Rat der Stadt Frechen erst im März einem Grabfeld für Bestattungen nach muslimischem Ritus auf dem Friedhof St. Audomar zugestimmt. „Wir haben uns so darüber gefreut“, erzählt Hilmi Malkoc. „Sogar die DITIB in Köln hat uns gratuliert“. Aufgrund des Ratsbeschlusses für St. Audomar meldeten sich jedoch Denkmalschützer zu Wort: Dort, wo das muslimische Grabfeld vorgesehen sei, habe sich im Mittelalter die Burg Hochsteden mit ihrem Graben erstreckt. Im Boden seien Reste des historischen Burggeländes zu vermuten. Das für die Muslime vorgesehene und bis dato ungenutzte Teilstück des Friedhofs müsse unter Denkmalschutz gestellt werden.

Historischer Adelssitz im Boden

Archäologische Untersuchungen, die in den 1970er Jahren durchgeführt wurden, später aber wohl in Vergessenheit geraten seien, bewiesen die Existenz der Burg Hochsteden auf dem betroffenen Gebiet, bestätigt Uwe Steinkrüger vom Amt des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) für Bodendenkmalpflege im Rheinland. „Die Denkmalwürdigkeit ist unzweifelhaft.“ Die Burg wurde 1639 zerstört, habe aber mit Sicherheit schon ein Fundament aus Steinen gehabt, dessen Reste man im Boden finden würde. Im Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege in Bonn werde derzeit das Gutachten erstellt, dass als Grundlage für die offizielle Eintragung des Bodendenkmals in die Denkmalliste der Stadt Frechen bilden wird, informiert Steinkrüger. „Wir erwarten die endgültige Eintragung“, bestätigt Stadtsprecher Thorsten Friedmann.

Kommunikationsprobleme

Als das Aus für muslimische Bestattungen auf dem Friedhofs St. Audomar klar war, suchte die Verwaltung in Zusammenarbeit mit dem interfraktionellen Arbeitskreis Friedhofsentwicklung nach Alternativen und fand sie nur in Buschbell und in Königsdorf. Stadtsprecher Thorsten Friedmann versichert, dass man die muslimische Gemeinde vor der Ratsentscheidung am 5. Juli für den Friedhof Buschbell-Neu einbezogen habe. „Wir haben aus der muslimischen Gemeinde das Signal bekommen, das Buschbell-Neu in Frage kommt“, erklärt er gegenüber Frechenschau.de. Hilmi Malkoc bestreitet eine Beteiligung seiner Gemeinde an der Entscheidungsfindung. „Mit uns hat keiner geredet.“

Die Ratsmitglieder nickten den Vorschlag der Verwaltung, muslimische Bestattungen auf dem Friedhof Buschbell-Neu zu ermöglichen, dann einstimmig ab – ebenso alle Änderungen in der Frechener Bestattungs- und Friedhofssatzung, die dafür nötig waren.

Bestattung ohne Sarg

Unter anderem erlaubt die geänderte Satzung ausnahmsweise eine Bestattung ohne Sarg. Denn Muslime beerdigen ihre Verstorbenen nur in ein langes, weißes Tuch gehüllt, wie Orhan Malkoc, Mitglied der Türkisch-Islamischen Gemeinde und des Ausländerbeirats der Stadt Frechen, erzählt. Zwar wird der Verstorbene im Sarg abwechselnd von acht Angehörigen auf ihren Schultern zum Grab getragen. Dort heben Angehörige den in das Tuch gewickelte Verstorbenen jedoch heraus und geben ihn in die Hände von zwei weiteren engen Angehörigen, die in das Grab hinabgestiegen sind, um den Toten dort auf die rechte Seite und mit dem Gesicht nach Mekka zu betten. Mit Brettern, die schräg in das Grab eingesetzt werden, wird die letzte Ruhestätte dann so verdeckt, dass keine Erde auf das weiße Tuch des Toten fallen kann. Die Angehörigen füllen das Grab anschließend mit der ausgehobenen Erde vollständig auf. Dort, wo der Kopf des Toten unter der Erde ruht, wird ein vorläufiges Holzschild mit Namen, Geburts- und Todestag des Verstorbenen angebracht. Erst Wochen später, wenn das eingesackte Grab anzeigt, dass die Bretter in der Erde verrotten und eingebrochen sind, wird das Grab so hergerichtet, wie es überdauern soll. Grabsteine und Pflanzen sind dabei ebenso üblich wie auf christlichen Gräbern. Auf dem Friedhof neben der Moschee in Hürth, wo auch Frechener Muslime bislang ihre Verstorbenen beerdigen können, ist das muslimische Grabfeld nur an seiner Abgeschiedenheit auf dem Friedhof und an den Namen der Verstorbenen auf den Grabsteinen und Schildern erkennbar.

Friedhof für alle Muslime

Nur ganz wenige Muslime aus Frechen sind bislang in Hürth beerdigt worden. Viele türkische Muslime werden nach ihrem Tod in die Türkei überführt, um dort beerdigt zu werden. Der Verein DITIB – Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, zu dem die Frechener Türkisch-Islamische Gemeinde gehört, bietet seinen Mitgliedern eine Versicherung der Kosten hierfür an. Die rituelle Waschung des Toten, die zu einer muslimischen Bestattung dazu gehört, wird übrigens im Zentrum der DITIB in Köln durchgeführt. Aus ganz Nordrhein-Westfalen werden verstorbene Muslime dafür nach Köln und anschließend wieder in ihre Moschee-Gemeinden transportiert.

Der Verein Türkisch-Islamische Gemeinde zu Frechen hat nach Angaben von Hilmi Malkoc 239 männliche und weibliche Mitglieder. Die Gemeinde ist aber offen für alle, auch für nicht aus der Türkei stammende Muslime. „Wir bedienen jeden Muslim“, sagt Hilmi Malkoc. Zum wöchentlichen Freitagsgebet kämen regelmäßig 350 bis 400 Muslime in die Moschee in Frechen, bei den wichtigen Feiertagen seien es noch erheblich mehr. Auch die Gräberstätte wünscht er sich für alle Muslime in Frechen: „Wir wollen einen muslimischen Friedhof, keinen türkischen!“

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