6. Juli 2011

Schmetterlinge auf der Ville

 Der Schmetterling des Jahres lässt sich auf meinem Hosenbein nieder. Ich bin etwas irritiert, denn Große Schillerfalter lockt eher Stinkiges an. Aas zum Beispiel, Pferdeäpfel oder – noch schlimmer – Hundehaufen. „Die Jeans ist ganz frisch gewaschen“, versichere ich dem Schmetterlingskundler Karl-Heinz Jelinek, der mich auf meiner Tagfalter-Beobachtungstour durch den Villewald bei Erftstadt-Bliesheim begleitet.

Fast 50 verschiedene Schmetterlinge

„Dann hat ihn vielleicht der Duft des Waschpulvers angezogen,“ beruhigt mich Jelinek schmunzelnd. Später auf unserem Rundgang wird sich ein Tagfalter namens „Kleiner Eisvogel“ auf seinem rechten Wildlederschuh niederlassen. Was Jelinek gelassen mit den Worten quittieren wird: „Mein Schuh dünstet wohl auch etwas aus.“ Seit 24 Jahren beobachtet und erfasst Jelinek für den Nabu Rhein-Erft die Schmetterlinge im Kreis. Fast 50 verschiedene Tagfalterarten hat er seitdem erfasst, darunter etwa 30 Arten, die im Rhein-Erft-Kreis beheimatet sind. Nahezu seine gesamte Freizeit verbringt der 59-jährige Naturschützer, der als Informatiker berufstätig ist, mit der Schmetterlingskunde, der „Lepidopterologie“ – „ein Hobby, das zur Berufung geworden ist.“ Zurzeit erfasst er die Nachtfalter mit ihren erstaunlichen, rund 1000 Arten.

Blauschimmernde Flügel

Jelinek ist auch Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Rheinisch-Westfälischer Lepidopterologen, die den Großen Schillerfalter zusammen mit der BUND NRW Naturschutzstiftung zum Schmetterling des Jahres 2011 ernannte. Der Edelfalter, der zu den größten Tagfaltern Europas zählt, hat eine schwarz-braune Flügeloberseite mit weißen Flecken, die bei den Männchen azur- bis ultramarinblau schimmert. Die Flügelunterseite ist in hellen und dunklen Brauntönen kräftig gemustert und weist einen großen umrandeten Augenfleck auf. Ich habe den Falter schon mehrfach mit dem „Kleinen Eisvogel“ verwechselt, der ebenfalls im Villewald anzutreffen ist. Jelinek kann die Verwechslung nicht verstehen. „Am Flug sind die beiden gut zu unterscheiden, der Schillerfalter fliegt so ruckartig.“

Vom Parkplatz Bliesheimer Feld aus, auf dem wir uns an einem sonnigen Tag getroffen haben, wandern wir zunächst Richtung Autobahn 553 am Waldrand entlang. Wir treffen auf mehrere Faulbaum-Bläulinge – kleine, quirlige, himmelblaue Schmetterlinge – und auf drei Arten von Weißlingen: auf den Großen und den Kleinen Kohlweißling sowie auf Heckenweißlinge. Zu unterscheiden seien die nur schwer, sagt Jelinek. Der Heckenweißling habe grünliche Adern, die sich über die Unterseite seiner Flügel ziehen. „Und der Große Weißling schwebt so richtig majestätisch“, findet Jelinek. „Den mag ich besonders gerne, obwohl es ein ganz ordinärer Falter ist.“

Wenn Schmetterlinge fliegen sind sie paarungsbereit

Die überhängenden Zweige der jungen Eichen am Waldrand werden in den kommenden Wochen Blaue Eichen-Zipfelfalter beherbergen. Ihre Flugzeit beginnt gerade erst. Dann wird man auch häufig das Große Ochsenauge und seltener das als gefährdet geltende Rotbraune oder Braungeränderte Ochsenauge im Villewald finden. Die verschiedenen Falterarten fliegen zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr, einige bringen mehrere Generationen im Jahr hervor, andere nur eine. Die Raupenzeit ist die Jugend, die Flugzeit das Erwachsenenalter der Schmetterlinge. Jelinek: „Die, die rumfliegen, sind paarungsbereit.“ Der Große Schillerfalter, der bis August fliegt, trifft sich zum Rendezvous in Baumkronen von exponierter Höhe.

„Tree-Topping“ nennen die Lepidopterologen den Flirt in den höchsten Wipfeln. Weil er eine geringe Populationsdichte hat und daher auch nur in größeren Wäldern zu finden ist, hat der Große Schillerfalter auch weniger Chancen, seinen Artgenossen zu begegnen. So hat die Evolution in seinen Genen einen gemeinsamen Treffpunkt verankert: Baumkronen, die aus dem Wald herausragen. So einen gemeinsamen Treffpunkt gebe es übrigens auch beim Schwalbenschwanz, berichtet Jelinek. Der prächtige Ritterfalter, der nicht im Wald sondern auf offenen Wiesen lebt, gilt als gefährdet. Im Rhein-Erft-Kreis könne man die Art aber ab Mitte Juli gut beobachten: beim „Hill-Topping“ auf dem Papsthügel im Kerpener Marienfeld. Unsere Runde führt uns über die Autobahn weiter in den Wald hinein. „Ui, ist das hier dunkel geworden“, stellt Jelinek beim Blick in eine größere Schonung fest, die in den letzten Jahren dicht und hoch gewachsen ist.

Schornsteinfeger am häufigsten

Für die Schmetterlinge als Sonnenliebhaber sei das nicht gut. Man trifft die Waldarten an sonnigen Plätzchen. „Je mehr Wald- und Wegsäume, umso größer die Artenvielfalt“, formuliert Jelinek eine einfache Formel. Für die verschwundenen Perlmuttfalter, die der Naturschützer vor fünf bis zehn Jahren auf dieser Strecke noch häufig antraf, sei es wohl mittlerweile zu dunkel hier. Die zahlreichste Schmetterlingsart im Kreis ist der Braune Waldvogel oder Schornsteinfeger, dessen Flügel einfarbig braun sind und wenige kleine, umrandete Augenflecken aufweisen. Häufig treffen wir auch auf den Rostbraunen Dickkopffalter. Der Admiral, ein Wanderer durch Wald und Wiesen, ist auch bereits anzutreffen, seine Flugzeit beginnt aber gerade erst.

Schließlich können wir auf unserer Tour den orangefarbenen, Kaisermantel beobachten und häufiger orange-braun gemusterte C-Falter, die man an einem sichelförmigen weißen Fleck (wie ein C) auf der Flügelunterseite erkennt. Wir entdecken den ersten Zitronenfalter, dem sein leuchtendes Gelb den Namen gab. Und dann gerät der sonst so ruhige und gelassene Jelinek fast ein bisschen aus dem Häuschen: Gleich zwei weibliche Große Schillerfalter umflattern eine Weide. „Vielleicht zur Eiablage“, vermutet der Experte. Denn der Große Schillerfalter legt seine Eier ausschließlich auf großblättrigen Weiden ab, bevorzugt auf der als Weidenkätzchen bekannten Salweide. Für Waldbewohner wie die Schillerfalterarten sei es kritisch, wenn lange Waldsäume von solchen Weichhölzern bereinigt würden, erklärt der Naturschützer. Ihre Raupen sind auf diese Futterpflanzen angewiesen. Auf der üppigen Weide im Villewald an der Autobahn 553 jedenfalls entwickelt sich vermutlich eine Generation von Großen Schillerfaltern, die im nächsten Sommer zum Flirt in die Wipfel fliegen.

Erstmals veröffentlicht in Kölner Stadt-Anzeiger, Rhein-Erft, 06.07.2011